Blendende Sonne. Schrilles Möwengeschrei. Am Anleger Neuharlingersiel wird die „Spiekeroog II“ mit den letzten Gepäckcontainern beladen, als eine silbergraue Limousine mit Berliner Kennzeichen vorfährt. Aus dem Fond des Wagens steigt Bundespräsident Johannes Rau, setzt sich seinen Elbsegler auf und schlendert noch ein wenig durch den Hafen, flankiert von 3 kräftigen Bodyguards, die ihm nicht von der Seite weichen.
Der langjährige Spiekeroog-Liebhaber, der seit 20 Jahren mit seiner Frau Christina und den drei Kindern Anna (19), Immanuel (17) und Laura (16) den Urlaub auf dem ostfriesischen Eiland verbringt, begrüßt zunächst einen alten Bekannten, den pensionierten Fahrkartenverkäufer Jakob Hadden. Der hat bereits Christina Raus Großvater, dem ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann, die Schiffskarten verkauft. Johannes Rau scheint die frische Brise zu genießen, die seine gut gekämmten Haare durcheinander bringt.
Das Sommerhaus der Familie Rau auf Spiekeroog, von den Heinemanns an Christina Rau vererbt, dient Johannes Rau als Refugium zur Erholung vom strapaziösen Leben eines Bundespräsidenten. Gleichzeitig bedeuten die Urlaubswochen auf Spiekeroog eine Zeit ungestörten Familienlebens, in denen der Vater endlich die Zeit findet, sich mit seinen Kindern zu unterhalten und Runde um Runde Skat mit ihnen zu spielen.
Meistens aber hält sich die Familie Rau in der unberührten Spiekerooger Natur auf: zum Baden und Wandern an den herrlichen weißen Sandstränden, die in eine weitläufige Dünenlandschaft übergehen - in der Heide oder den Kiefer- und Mischwäldchen im Binnenland. Bereits vor 130 Jahren legten die Spiekerooger die Dünenwäldchen an – auf den baumarmen ostfriesischen Inseln bis heute ohne Beispiel. Wenn Familie Rau auf Spiekeroog spazieren geht, muss aber selbst ein Präsidentenhund angeleint sein. Scooter, der geliebte Riesenschnauzermischling der Familie, nach Meinung seines Herrchens „als Hund eine Katastrophe, aber als Mensch große Klasse“, darf auf Spiekeroog nur am Weststrand ohne Leine laufen.
Spiekeroog ist nicht nur eine autofreie, sondern sogar eine fahrradfreie Zone. Da auch Zweiräder auf der kleinen Insel mit den schmalen Wegen im Ort schnell überhand nehmen und das beschauliche Klima auf der Insel empfindlich stören könnten, werden Urlauber gebeten, aufs Radfahren zu verzichten. Für erschöpfte Kleinkinder oder schwere Gepäckstücke steht der örtliche Bollerwagenverleih bereit. Fußlahme Gäste können zwischen dem Alten Inselbahnhof und dem Dünenrand im Westen auf die Museumspferdebahn ausweichen. Der Puls der Insel lässt sich in diesen Pferdestärken messen. Auf Spiekeroog ist das Lebenstempo gemächlicher und die Menschen hören eher auf den Rhythmus der Natur. Sicherlich trägt das Fehlen von Motorenlärm und Abgasen zur besonderen Stimmung auf Spiekeroog bei. Das beschauliche Leben auf Spiekeroog ist für den Bundespräsidenten der ideale Ausgleich zum turbulenten Repräsentationsalltag in Berlin.
„Keine Kindergeschichten, keine Homestories“, energisch schirmt Christina Rau ihr Familienleben in Berlin und auf Spiekeroog ab. Die Insulaner respektieren den Wunsch der Raus nach Privatheit. Ebenso wenig Aufhebens machten die Spiekerooger um andere prominente Feriengäste, zu denen neben Gustav Heinemann die beiden ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizäcker und Walter Scheel zählten. Alle VIP´s fühlten sich wohl auf Spiekeroog, vielleicht weil die Insulaner keinen Unterschied machen. Man duzt sich und freut sich auf „Johannes“, dem vor 2 Jahren die Ehrenbürgerschaft von Spiekeroog verliehen wurde. Christina Rau engagiert sich im Kuratorium der Spiekerooger Hermann Lietz Schule, einer reformpädagischen Schule mit ausgezeichneten Renommee.
1982 schlossen Christina und Johannes Rau in der Spiekerooger Inselkirche den Bund fürs Leben. Ganz romantisch unter dem blauen Sternenhimmel der kleinen Kirche aus dem Jahr 1696, einem historischen Schmuckstück Spiekeroogs. Seither verbringen die treuen Gäste zweimal jährlich ihren Urlaub auf Spiekeroog Auch die Kinder sind zu Inselfans geworden, sie lieben es besonders, hoch zu Pferd über die Insel zu galoppieren. Christina Rau, die Fallschirmspringen, Tiefseetauchen, Ski- und Snowboardfahren zu ihren Lieblingssportarten zählt, erholt sich auf Spiekeroog vom Extremsport. Sie joggt und schwimmt und geht mit Scooter und seinem Herrchen am Strand spazieren.
Nach seiner Operation an der Bauchschlagader im Jahr 2000 kam der Bundespräsident zur Nachkur nach Spiekeroog und führte zwei Monate sogar die Regierungsgeschäfte von der kleinen Insel aus. Wird es Johannes Rau auch weiterhin nach Spiekeroog ziehen? Heinz-Bernd Nestler, persönlicher Mitarbeiter des Präsidenten erklärt: „Johannes Rau ist ein bodenständiger Mann, er hält an guten Gewohnheiten fest“.

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